"Und ER ist wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ein Morgen ohne Wolken: von ihrem Glanze nach dem Regen sproßt das Grün aus der Erde."

(2. Sam. 23:4)

Suchmaschine

Statistik - Besucher

Heute 25 Gestern 411 Woche 436 Monat 12253 Insgesamt 502570

Kubik-Rubik Joomla! Extensions

Seite übersetzen?

buch

Achtung: Ab jetzt gibt es bei mir das Buch „Einmal auf dem Schoß Gottes sitzen“ (733 Seiten) zu bestellen, und zwar für 5, - € an Selbstkosten zzgl. 3, - € Porto; den Betrag von 8, - € kannst Du direkt als Spende für ein Kinderheim in Rumänien überweisen (Kto.-Nr. steht auf der letzten Seite des Buches). Bitte schick mir einfach eine E-Mail mit Deiner Adresse und ich sende Dir das Buch zu.

„Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe.
Laßt uns nun die Werke der Finsternis ablegen
und die Waffen des Lichts anziehen.“ (Röm.13:12)

„Als ich in Seinem Licht durch das Dunkel wandelte“ Teil 26

November bis Dezember 1992

Andere Sitten in Guatemala

Als ich am 31.10. in Guatemala ankam, wurde ich von Bruder Salomón Marroquín (49) vom Flughafen abgeholt. Auf der 4-stündigen Fahrt nach Retalhuleu erzählte mir Salomon über sich und seine Familie. Sein Vater Roberto Marroquín hatte in den letzten 20 Jahren 7 Gemeinden in Guatemala gegründet, die alle „der gesunden Lehre angehörten“ (eine intern verwendete Umschreibung für die Anhänger der P.W. Heward-Gemeinschaft, da nach ihrer Lehre die Verwendung eines Namens ja nicht erlaubt sei). Da Bruder Roberto über all die Jahre alles allein machte und niemanden neben sich duldete, standen die Brüder seit seinem plötzlichen Tod vor ein paar Monaten wie Waisen da, die nicht so recht wussten, wie es nun weitergehen soll. Salomon und sein Bruder Jeremias hätten nicht die Gabe zum Predigen, weshalb sie es einem jungen Bruder namens Luis Calderón (29) überließen. Als wir Retalhuleu erreichten, brachte mich Salomon in das Haus seiner Schwester Ruth (47), wo ich die nächsten Tage übernachten sollte.

Am Sonntagmorgen erklärte mir Ruth, dass ich mir einen Anzug anziehen müsse, da alle Brüder im Gottesdienst einen Anzug tragen würden. Zum Glück hatte ich für die Hochzeit einen Anzug aus Deutschland mitgebracht, aber bei der Hitze von über 30 °C grauste es mir, diesen zu benutzen. Als wir den kurzen Weg von Ruths Haus zum Gottesdienstraum gingen, wandte sich Ruth zu mir um und sagte: „Hermano Simon, con permiso…“ und ehe ich mich versah, hatte sie mir plötzlich den obersten Knopf von meinem Hemd zugeknüpft. Ich dachte nur: Was soll das? aber sagte kein Wort. Schon bald nach Beginn des Gottesdienstes wurde ich vor den etwa 30 bis 40 Geschwistern als heutiger Prediger angekündigt, dabei hatte ich mich noch gar nicht vorbereitet. Als ich dann schweißgebadet nach vorne ging, waren meine ersten Worte: „Liebe Geschwister, bei allem Respekt, aber ich bin diese Hitze nicht gewohnt, deshalb bitte ich um Euer Verständnis, wenn ich meine Anzugjacke wieder ausziehe.“ Während ich sie auszog, sagte der dicke Bruder Salomon in seinem schweißnassen Gesicht: „Todos estamos sudando, hermano, pero lo hacemos por amor al Señor!“ („Wir schwitzen alle, Bruder, aber wir tun es um des HErrn willen!“). Auf solch einen Einwand war ich nicht gefasst: „Ja, das ist gut. Und ich habe meine Anzugjacke jetzt abgelegt aus Liebe zum HErrn.“ In dem Moment kam mir auf einmal ein Thema zum Predigen in den Sinn, und zwar Römer 14. Wir lasen die ersten zehn Verse, und dann begann ich meine Predigt:

Ihr Lieben, es war einmal ein deutscher Glaubensbruder, der eine amerikanische Schwester geheiratet hatte. Als er das erste Mal seinen Eltern die Braut vorstellte, fragte ihn sein gläubiger Vater entsetzt: ‚Sag mal, hattest du nicht gesagt, deine Frau sei gläubig? Aber warum trägt sie denn dann noch Ohrringe?!‘ Der Sohn beschwichtigte ihn und erklärte, dass dies in Amerika keine Sünde sei. Am Abend stellten die Eltern dann beim Gastmahl Weingläser auf den Tisch, als die Amerikanerin auf einmal erschrak und zu ihrem Mann sagte: ‚Hattest du nicht gesagt, dass deine Eltern gläubig seien? Aber warum trinken sie dann Wein?!?‘ – Liebe Geschwister, dies ist einfach nur mal ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich Christen aus anderen Kontinenten bestimmte Aussagen der Bibel gewichten können, so dass für die einen dieses und für die anderen jenes Sünde ist. Tatsächlich sind aber nach der Heiligen Schrift weder Ohrringe noch Wein etwas Frevelhaftes, solange man es nicht übertreibt. Entscheidend ist vielmehr, dass wir in den Dingen, in denen Gott uns Freiheit gegeben hat, wir alles zu Seiner Ehre tun. Und wenn wir selbst etwas nicht mit unserem Gewissen vor Gott vereinbaren können, dann lassen wir es doch einfach. Aber wir sollten nicht auch noch von anderen das gleiche fordern, die es von der Schrift her nicht als Sünde sehen können…“

Nach dem Gottesdienst sagte mir Schwester Ruth: „Das war eine sehr schöne Predigt. Ich finde, Sie haben eine viel bessere Begabung zum Predigen als Bruder Calderón, denn der hetzt immer nur und schimpft mit jedem einzelnen Wort, dass einem die Ohren abfallen. Schade, dass Sie nicht hier bleiben können.“ Ich bedankte mich für die lieben Worte und versicherte Ihr, dass wir alle von Gottes Gnade abhängig sind und ich ja immerhin noch eine Woche bleiben würde. Am Nachmittag fuhr ich mit ein paar Brüdern zum Grab von Roberto Marroquín. Zu meiner Überraschung war er gar nicht in die Erde begraben, sondern in eine große Betonwand eingemauert, etwa wie die Schließfächer eines großen Wandschranks. Man erklärte mir, dass dies in Südamerika eine ganz gewöhnliche Art der Bestattung sei, wie sie auch schon von den Incas und Mayas praktiziert wurde. Anschließend fuhren wir in ein kleines Dorf namens Rosario („Rosenkranz“) zu einem Kindergeburtstag, zu dem wir eingeladen waren. Das 15-jährige Mädchen hatte ein teures Seidenkleid an mit Rüschen und einem Kopfschmuck, so als wäre es ein Brautkleid. Man erklärte mir, dass in vielen Ländern Lateinamerikas der 15. Geburtstag ganz besonders gefeiert werde.

Am Montag fuhr ich dann mit Bruder Salomon ins Hochgebirge auf 3.000 m Höhe. Doch zuvor ging es stundenlang durch Urwaldstraßen und über wilde Flüsse. Nach etwa 4 Stunden erreichten wir das Dorf Patzicia, wo der Bruder Toribio Esquit Umul (41) eine große, indigene Gemeinde leitete. Es waren die Ärmsten der Armen, aber dafür reich im HErrn! Die Schwestern waren mit der landesüblichen, bunten Indiotracht gekleidet und bereiteten uns zur Ankunft sogleich Tortillas mit Bohnenbrei, was sie hier wohl dreimal am Tag essen. Beim Arbeiten trugen die Frauen ihre Kinder in einem Tuch auf dem Rücken. Ich wollte unbedingt Fotos machen, aber Bruder Salomon hatte mich gewarnt: „Die Indios glauben, dass sie durch ein Foto ihre Seelen dem Teufel verkaufen, deshalb sollten Sie keine Fotos machen!“ – „Aber doch nicht die Gläubigen?!“ – „Bruder Toribio sieht Fotos als weltlich an und hat noch nicht mal erlaubt, dass man bei der Hochzeit seiner ältesten Tochter Fotos macht!“ - Die Pfannen und Töpfe waren schwarz vor Ruß, und ich machte mir Sorgen, dass ich vielleicht krank werden könnte. Deshalb betete ich: „HErr, Du weißt, dass ich dieses Mal keine Medikamente und Impfungen mitgenommen habe auf die Reise, weil ich Dir ganz vertrauen will. Bitte beschütze mich, dass ich hier keinen Infekt bekomme. Danke, HErr. Amen.“

Bruder Toribio bot mir aus Dankbarkeit für meinen Besuch sein Ehebett an zum Übernachten. Es bestand aus einer steinharten Strohmatratze mit einer Zudecke aus Sacktuch und befand sich in einer kleinen Lehmhütte ohne Fenster. Da es in der Nacht mit ca. 10 °C bitterkalt im Raum war, zog ich mir alle möglichen Pullover über, um schlafen zu können. Wenn ich dies hier kaum eine Nacht aushielt, wie konnte dann Bruder Toribio jede Nacht mit seiner Frau in diesem Bett schlafen? Und wo schliefen sie denn jetzt?

Als der Hahn früh am Morgen krähte, war die Nacht endlich vorbei. Ich lief ins Dorf hinunter, um mich etwas aufzuwärmen. Heute Mittag sollte Bruder Samuel Franco (60) aus Argentinien anreisen zusammen mit seiner Frau Lorenza. Da Patzicia nur etwa 70 km vom Flughafen entfernt lag wollten wir sie alle gemeinsam abholen. Während wir auf dem Flughafen warteten, unterhielt ich mich mit Bruder Toribio über verschiede Punkte der Lehre. Doch plötzlich fragte er mich: „Bruder Simón, wie sehen Sie das mit dem Abendmahl? Verwenden Sie in Deutschland dafür auch ungesäuertes Brot und unvergorenen Traubensaft?“ – Jetzt sah ich mich genötigt, dem Bruder zu bekennen, dass ich in dieser Lehrfrage inzwischen anders denke als die anderen Geschwister in Deutschland. Ich begründete ihm ausführlich meine Sichtweise, bat ihn jedoch am Ende, dass er dies doch bitte nicht dem Samuel Franco verraten dürfe, um unnötigen Ärger zu vermeiden. Er versprach es mir. Als Samuel dann ankam, freute er sich sehr, mich zu sehen und drückte mich kräftig. Dann fuhren wir zurück nach Patzicia.

Am Abend war dann Versammlung. Der ganze Raum füllte sich mit etwa 30 Indios, vor allem Frauen. Beim Gesang fiel mir auf, dass die Geschwister nicht gerade musikalisch begabt waren, denn es hörte sich wie ein lauter Krach an. Aber der HErr schaut ja ins Herz. Bruder Samuel predigte, während ich mich lieber zurückhielt. Nach dem Gottesdienst setzten sich aber auf einmal mehrere Brüder um den Samuel herum. Toribio führte das Wort: „Bruder Samuel, der Apostel Paulus belehrt uns, dass wir Ältere wie einen Vater ermahnen sollen. Und das müssen wir leider nun tun, Bruder, denn wir nehmen alle sehr viel Anstoß an ihrem Betragen.“ Samuel war genauso wie ich überrascht: „Wieso? Worum geht’s denn?“ – „Es geht im Wesentlichen um zwei Vorwürfe, die wir Ihnen nicht ersparen können um des HErrn Jesu willen: Zum einen haben Sie heute eine Krawatte getragen, obwohl Krawatten grundsätzlich als eitel und weltangepasst zu sehen sind. Und zum anderen haben Sie heute die ganze Zeit während des Gottesdienstes die Beine überschlagen, obgleich das absolut kein Zeichen von Gottesfurcht darstellt. Dieses Benehmen können wir hier nicht dulden!“ Sofort beschwichtigte Samuel die Brüder und versprach, sich künftig an ihre Regeln zu halten. „Habt Ihr sonst noch was?“ fragte er. „Dann würde ich nämlich auch gerne mal etwas ansprechen, an dem ich Anstoß genommen habe…“ Gespannt schauten alle auf Samuel: „Es geht um Euren Gesang. Der ist ja wirklich grässlich und kann doch kaum dem HErrn gefallen. Schaut mal, der Liederdichter, der sich so viel Mühe gemacht hat beim Komponieren einer schönen Melodie, hat es doch nicht verdient, dass sein Lied völlig schief gesungen wird. Darüber solltet Ihr auch mal nachdenken.“


Meine Exkommunizierung

Nach der Versammlung erklärte mir Bruder Toribio, dass ich als junger Bruder dem älteren den Vorzug geben sollte, indem ich dem Bruder Samuel und der Schwester Lorenza das Ehebett von Toribio und seiner Frau überlassen sollte, während ich ja auf einer der Bänke im Versammlungsraum schlafen könnte. „Selbstverständlich, Bruder. Es ist für mich ein großes Vorrecht, wie Joshua und Samuel im Heiligtum des HErrn zu schlafen.“ Insgeheim tat mir aber der argentinische Bruder leid, denn als reicher Geschäftsmann wird das sicherlich eine Zumutung sein, in solch einem Bett zu übernachten. Als ich am nächsten Morgen aufgestanden und mein Gebet beendet hatte, sah ich, wie Samuel aus seinem Raum kam. „Y hermano: ¿qué tal amaneció?“ („Und, wie haben Sie geschlafen, Bruder?“). Eigentlich hätte man diese Frage fast als Sarkasmus werten müssen, aber ich bemühte mich, mir ein Grinsen zu unterdrücken. „Ehrlich gesagt haben wir fast überhaupt nicht geschlafen wegen der Kälte hier, und auch das Bett war sehr hart und unbequem.“ Die Schwestern ließen uns am Tisch im Innenhof Platz nehmen und servierten wie immer Tortillas mit Bohnenbrei, aber diesmal für jeden noch eine gebratene Banane. Doch Samuel winkte sofort ab und sagte, dass er und seine Frau nichts essen würden. Während sie mir beim Essen zuschauten, fragte ich sie: „Haben Sie denn keinen Hunger?“ – „Ach, wir essen erst nachher, wenn wir wieder unterwegs sind, denn das Essen ist uns hier ehrlich gesagt zu unsicher. Mich wundert ja, dass Sie offensichtlich keine Bedenken haben mit diesem Essen…“ – „Ich vertraue auf die Zusage des HErrn, dass das Essen ja gereinigt wird durch Gottes Wort und Gebet (1.Tim.4:5). Zudem würden die Geschwister es vielleicht als Kränkung empfinden, wenn wir alle ihr Frühstück verschmähen würden.

Nach dem Essen gab ich Bruder Toribio eine kleine Spende von 50 Dollar und dankte ihm für seine Gastfreundschaft. Als wir aufbrachen, vereinbarten Samuel und ich, dass wir uns für die nächsten zwei Tage trennen sollten. Bruder Samuel wollte mit Toribio zur Versammlung in Monterey reisen, während ich mit Salomon zurückfuhr nach Retalhuleu, um von dort die Geschwister in Rosario zu besuchen. Auf der Rückfahrt unterhielt ich mich mit Bruder Salomon über die Armut der Geschwister und überlegte, wie man ihnen effektiv helfen könne. Salomon erzählte, dass überdurchschnittlich viele Brüder von Beruf Maurer seien, da dies einer der wenigen Berufe sei, die man in dieser Region praktizierte. Aber es gäbe nun einmal zu wenig Aufträge oder Firmen, die einen Maurer einstellen würden. Da kam mir die Idee, dass die Brüder Luis und Jeremias, die ja beide Maurer sind, einfach eine Firma gründen könnten, in der sie alle anderen gläubigen Maurer beschäftigen und gemeinsam Aufträge abwickeln könnten. Ich würde ihnen dann ein Startkapital von 500 Dollar geben, aus der Spende von den Geschwistern aus Deutschland. Bruder Salomon war über diese Idee sehr erfreut und vereinbarte, dies mit den anderen Brüdern zu besprechen. Damit alles transparent verlaufe, wollte ich das Geld am Sonntag vor allen übergeben.

Als wir uns jedoch am Freitag in der Abendversammlung wiedersahen, war genau das passiert, was ich schon befürchtet hatte: Toribio hatte sein Wort gebrochen und dem Samuel gepetzt, dass ich ihre Sonderlehre mit dem Abendmahl inzwischen nicht mehr vertreten würde. Und so predigte Samuel über Apg.20:29-30, wo es heißt: „Ich weiß dieses, dass nach meinem Abschied verderbliche Wölfe zu euch hereinkommen werden, die der Herde nicht schonen. Und aus euch selbst werden Männer aufstehen, die verderbte Dinge reden, um die Jünger abzuziehen hinter sich her.“ Dann predigte er über 2. Samuel 6 und wies darauf hin, dass es auch heute viele „neue Wagen“ gäbe und nannte dabei als Beispiel die Auffassung, man könne auch gesäuertes Brot und „vergorenen Wein“ bei des HErrn Abendmahl verwenden. Unter Verweis auf Sprüche 20:1 wollte er beweisen, dass der Wein ein Bild auf die Sünde sei. Danach predigte Bruder Toribio Esquit und setzte den Worten seines Vorredners noch eines drauf, indem er 2. Johannes 9 - 11 anführte. Nach der Versammlung kam Bruder Luis Calderón zu mir und sagte, ich sollte von nun an mit den verantwortlichen Brüdern absprechen, was ich predigen wolle, bevor ich nach vorne gehe, damit Unruhe und Verwirrung vermieden werde. Ich empfand dies schon als erstes Zeichen von Bevormundung und Entmündigung der Gemeinde, hielt mich aber mit Kritik zurück.

Am nächsten Tag fuhr ich mit Bruder Salomon nach Rosario. Im Auto sagte er mir, dass er von Toribio beauftragt wurde, mir zu sagen, dass ich nichts über meine Auffassung zum Abendmahl zu den Geschwistern in Rosario sagen dürfe, um sie nicht zu verwirren. Dies machte mich nachdenklich. Denn einerseits war das Thema ja ohnehin ziemlich belanglos und nicht einer Predigt wert. Auf der anderen Seite störte es mich jedoch, dass man mir vorschreiben wollte, über was ich predigen und was ich nicht predigen solle (1.Kön.22.13-14). War ich nicht verpflichtet, gerade dann das Wort zu verkünden, wenn es für die Hörer unangebracht erscheint (2.Tim.4:4:1-4)? Über kurz oder lang würden sie mich ohnehin ausschließen. Also sollte ich diese letzten Tage nutzen, um über diese Vermischung vom alten und neuen Bund aufzuklären. Und so predigte ich über Luk.5:37-39, wo der Neue Bund durch den Wein dargestellt wird, und dass das Blut IMMER durch den Wein dargestellt wird (Jes.63:1-6, Offb.14:17-20, 17:6, 1.Mo.49 :11, 5.Mo.32:14). Auch wies ich durch die Heilung in Luk.10:34 nach, dass der Wein wegen seiner desinfizierenden Wirkung ein gutes Bild auf unsere „Erlösung durch Sein Blut“ sei, durch das wir ja gereinigt werden von aller Sünde ( =Bakterien). Die Brüder wurden alle überzeugt, aber leider konnten sie wegen ihrer Einfalt nicht begreifen, was für Konsequenzen diese Botschaft auf ihr Abendmahl hat. Als wir wieder in Retalhuleu waren, merkte ich (aber auch viele andere), dass die Brüder mich scheinbar nicht mehr predigen lassen wollten, indem sich Samuel, Toribio und Luis schnell nacheinander abwechselten und jeweils so lange predigten, dass am Ende für mich keine Zeit mehr übrigblieb. Zudem merkte ich, dass es nicht der Heilige Geist war, der sie in der Predigt leitete, sondern nur selbstgerechterer, aggressiver Eifer, um die Geschwister durch Einschüchterung bei der Stange zu halten.

Bisher hatte ich aber noch nicht mit Br. Samuel direkt über die Angelegenheit mit dem Abendmahl gesprochen. Das geschah jedoch am Sonntag: Vor der Versammlung bat ich den Toribio, er möge doch ankündigen, dass die verantwortlichen Brüder nach der Versammlung doch noch bleiben sollten, weil ich mit ihnen über die Verwendung einer größeren Spende für die armen, arbeitslosen Geschwister in Guatemala sprechen wollte. Als es dann soweit war und ich den Brüdern die Spende übergeben wollte zur Gründung einer kleinen Baufirma, in der die Brüder ihr eigenes Geld verdienen können, fragte mich Bruder Samuel: „Woher hast du denn das Geld her?“ - „Von Geschwistern aus Deutschland.“ – „Aber was sind das für Geschwister?“ – „Geschwister im HErrn aus verschiedenen Versammlungen.“ – „Aber das kann ja gar nicht sein, denn der Bruder Stanley Bown hat mir geschrieben, dass du nicht in Gemeinschaft bist mit den Geschwistern in Deutschland und dass sie dich auch nicht unterstützt haben.“ – „Das ist so nicht nur falsch, sondern auch eine Torheit, denn der Bruder Stanley kann bestenfalls behaupten, dass ich nicht in Gemeinschaft bin mit den Geschwistern in Sachsenheim, nicht nur weil die leitenden Brüder dort, Daniel und Karl-Heinz, meine Reise nicht befürworteten, sondern auch weil sie an einem ganz anderen Ort wohnen wie ich. Was geht sie also meine Reise an? Dennoch haben mich auch Geschwister aus ganz anderen Orten in Deutschland unterstützt, die aber nicht an diesem Gemeindeverbund angeschlossen sind. Denn das Reich Gottes in Deutschland besteht ja nicht nur aus den paar wenigen Gläubigen aus Bremen und Sachsenheim, die der Stanley Bown kennt.“ – „Hör mal, Bruder“ sagte Samuel, „wir sind aber nicht bereit, Geld von Gläubigen anzunehmen, die wir nicht kennen. Außerdem ist mir kundgeworden, dass du dich auch schon nicht mehr auf biblischem Boden bewegst, denn du hast gelehrt, dass die Einhaltung der Symbole beim Abendmahl unwichtig sei und dabei einen wesentlichen Bestandteil der Apostolischen Lehre verleumdet. Normalerweise dürften wir dich gar nicht mehr aufnehmen, denn es heißt ja: ‚Wenn jemand zu euch kommt und diese Lehre nicht bringt, so nehmt ihn nicht ins Haus auf und grüßt ihn nicht‘ (2.Joh.10).“

Ich musste tief Luft holen, um zu antworten: „Erstens bilden die Symbole nicht einen Teil der biblischen Lehre, denn sie werden in Apg. 2:42 gesondert genannt (Brotbrechen), und auch in der Aufzählung von Eph.4:4-6 wird das Abendmahl nicht zu den Fundamenten der biblischen Lehre gezählt. Zweitens ist die Betonung der Symbole beim Abendmahl auch nicht die ‚Lehre des Christus‘, auf die in 2.Joh.9-10 Bezug genommen wird, und es gibt noch nicht einmal irgendein Gebot, das den Nachdruck auf den Gebrauch der alttestamentlichen Symbole legt. Und drittens frage ich mich ehrlich gesagt, warum Sie hier ständig für die Geschwister in Guatemala sprechen, die doch selber eine Meinung haben und nicht nötig haben, das ein Bruder aus Argentinien sie vertritt.“ – Auf den letzten Punkt ging Samuel gar nicht ein, sondern erklärte: „Das Abendmahl fällt in Eph.4:5 unter die Kategorie ‚Glauben‘, denn gemeint ist hier die GlaubensLEHRE. Außerdem macht die Bibel keinen Unterschied zwischen wichtigen und unwichtigen Bestandteilen der Lehre, sondern alles ist wichtig.“ – „Dann bin ich aber scheinbar in euren Augen kein Bruder mehr, denn es heißt ja: ‚Wer nicht bleibt in der Lehre des Christus, HAT GOTT NICHT‘.“ Die Antwort auf diese Frage blieb er mir schuldig. Weiterhin wies ich darauf hin, dass beim Passahfest neben dem Brandopfer auch ein halbes Hin Wein geopfert werden sollte als Symbol für das Blut Christi (4.Mo.23:7+ 11-25). Ja, dass sogar der HErr Jesus bei der Hochzeit zu Kana - eine Vorschattung des Hochzeitsmahls des Lammes - Wasser in Wein verwandelt habe. „Ja, hier ist ja nicht vergorener, sondern unvergorener Wein gemeint, denn im griechischen Text steht auch ein anderes Wort dafür“. Da ich keine Interlinear-Übersetzung dabeihatte, konnte ich es nicht überprüfen. Aber schon allein die Logik widersprach hier seiner Behauptung: „Aber der HErr Jesus hat doch gerade den besseren Wein gemacht, von dem es heißt, dass er ‚trunken‘ macht (Joh.2:10), und auch die Korinther müssen beim Abendmahl doch Wein benutzt haben, der einige ‚betrunken‘ gemacht hat, denn von Traubensaft kann man nicht betrunken werden.“ – „Nun, es gibt wohl verschiedene Weine, gute und schlechte. Die schlechten enthalten Alkohol. Den guten Wein kann man ja auch als Medizin benutzen wie im Falle des Barmherzigen Samariters.“ – „Ja, aber wenn dieser Wein keinen Alkohol enthalten hätte, dann könnte man ja auch nicht die Bakterien in der Wunde abtöten.“ Wieder gab er mir keine Antwort, sondern lenkte vom Thema ab:

Simon, es hat gar keinen Zweck, weiterzureden, denn wie wir sehen, willst du keine Belehrung von älteren Brüdern annehmen. Kein Wunder also, dass die Geschwister in Deutschland deine Reise nicht befürwortet haben, denn du scheinst das Gebot zu missachten, dass die Jüngeren den Älteren unterwürfig sein sollen (1.Petr.5:5).“ – „Aber unterwürfig bedeutet doch nicht in jedem Fall, dass ich alles kritiklos und vorbehaltlos annehmen soll, was mir ältere Brüder sagen, sondern dass ich ihnen in Demut und Hochachtung begegnen soll, wie ich das ja auch tue. Außerdem hat doch die Mehrheit der heutigen Brüder dieselbe Auffassung in dieser Frage wie ich, so dass ich ihnen ja auch in diesem Sinne unterwürfig bin. Aber ich kann es doch nicht allen Recht machen, sonst wäre ich ja ein Opportunist der von jedem Winde der Lehre hin und her bewegt wird, nicht wahr?“ – „Nun, ich denke, wir verschwenden unsere Zeit, denn wenn du schon von der ‚Mehrheit‘ sprichst, wird ja ohnehin schon deutlich, dass du dich in der Meinung der breiten Masse orientierst anstatt an Gottes Wort. Der HErr Jesus spricht aber nur von einer kleinen Herde die ins Reich Gottes eingeht (Luk.12:32). Ich bin daher auch nicht mehr gewillt, zuzulassen, dass du mich auf meiner Weiterreise begleitest, denn du bist eher ein Schaden als ein Segen für das Werk des HErrn in diesen Ländern. Von heute an gehörst du nicht mehr zu uns, und ich werde dafür sorgen, dass man dich nirgendwo mehr predigen lässt. Es tut mir nur sehr leid wegen der Ruth Condori, die du vorhast, zu heiraten, denn wir haben sie sehr lieb und es ist sehr bedauerlich, dass sie in diese eigenwillige Entscheidung von dir eingewilligt hat. Es ist ja ohnehin schon eine Frechheit, dass du überhaupt nach Guatemala gekommen bist und einfach hier predigst in der Versammlung. Wer hat dir eigentlich die Erlaubnis dafür gegeben?!“ Mit innerlicher Bestürzung und starkem Herzklopfen antwortete ich: „Der HErr selbst hat mich dazu berufen, denn die Versammlung hier gehört ja nicht einem Menschen, sondern Ihm. Folglich gilt auch das neutestamentliche Recht dass sich jeder an der Auferbauung des Leibes beteiligen darf und soll, denn es steht geschrieben: ‚Brüder, wenn ihr zusammen kommt, so hat ein jeder von euch einen Psalm, hat eine Lehre, hat eine Ermahnung ... alles geschehe zur Erbauung‘ (1.Kor.14:26).“ An dieser Stelle war das Gespräch beendet. Wir beteten noch zusammen, wobei der Bruder Toribio den HErrn bat, dass Er mir doch Buße schenke und Erkenntnis Seines Willens in der Symbolfrage, damit ich „die makellose Person unseres HErrn nicht weiter verunglimpfe“.

Nun war ich also ausgeschlossen. Aber durfte Samuel das eigentlich so eigenmächtig entscheiden? Mir kam plötzlich ein Wort in den Sinn, das ich vor längerer Zeit mal gelesen hatte: „Da sandte Amazia, der Priester von Bethel, zu Rehabeam, dem König von Israel und ließ ihm sagen: Amos hat eine Verschwörung wieder dich angestiftet inmitten des Hauses Israel; das Land wird alle seine Worte nicht zu tragen vermögen ... und Amazja sprach zu Amos: ‚Seher, geh, entfliehe in das Land Juda; Und iss dort dein Brot und dort magst du weissagen. Aber in Bethel sollst du fortan nicht mehr weissagen, denn dies ist ein Heiligtum des Königs und dies ein königlicher Wohnsitz“ (Am.7:10-11). Wohlgemerkt: er sagt nicht: „dies ist ein Heiligtum Gottes“, sondern „des Königs“! Beim Mittagessen ging ich zu Samuel und beschwerte mich über seine Entscheidung: „Sie haben nicht das Recht, mich einfach von den anderen Gemeinden auszuschließen, erst recht nicht wegen einer so geringfügigen Meinungsverschiedenheit!“ – „Doch, habe ich. Denn ich trage eine Verantwortung vor Gott und muss das tun. Es ist ja nicht nur wegen deiner Sicht über die Symbole, sondern man hat mir erzählt, dass du auch generell das Trinken von Alkohol befürwortest.“ – „So habe ich das nicht gesagt, sondern dass es kulturelle Unterschiede gibt!“ – „Die Kulturen der Völker sind aber für einen Gläubigen völlig unbedeutend, sondern entscheidend ist, was die Bibel lehrt, und das ist eindeutig. ‚Der Wein ist ein Spötter‘ sagt die Schrift (Spr.20:1). Also steht doch außerfrage, dass wir keinen Wein trinken dürfen“. – „Aber wiederum steht geschrieben, dass Wein das Herz der Menschen erfreuen soll (Ps.104:15). Und außerdem hat auch der HErr Jesus Wein getrunken, weshalb die Pharisäer Ihm dies zum Vorwurf machten (Mt.11:19).“ – „Das haben ihm die Pharisäer bösartig und verleumderisch angedichtet!“ – „Nein, denn das ‚der da…trinkt‘ bezieht sich eindeutig auf den Wein, denn von Johannes, dem Nasir, heißt es ja zuvor: ‚der weder aß noch trank‘ (Vers 10), d.h. er trank keinen Wein, wohl aber andere Getränke, sonst wäre er ja verdurstet“.


Heuchelei in El Salvador

Durch meinen Rauswurf, der von nahezu allen bestätigt wurde, war ich emotional völlig am Boden. Fortan wurde ich also nur noch geduldet, war aber nicht mehr willkommen. Nur die Familie Marroquín hielt noch zu mir, traute sich jedoch nicht, mich dem Samuel gegenüber zu verteidigen. Ich ging auf mein Zimmer und weinte. Mein Herz brannte in mir, und ich betete zum HErrn, dass Er mir doch Gerechtigkeit widerfahren lasse für das Unrecht, dass mir Samuel antat: „Bitte, HErr, vereitle seine Pläne!“ Nun kam in mir der Wunsch auf, meinen Freunden in Deutschland zu berichten, was hier gerade geschehen war. Da Schwester Ruth aber keine Schreibmaschine besaß, ging ich zum Haus ihres Schwiegersohns Moisés Salvatierra (31), bei dem ich in Ruhe schreiben konnte. Wie gut das tat, mir alles von der Seele zu reden! Ich schickte den Brief an Br. Thomas Schaum mit der Bitte, ihn zu vervielfältigen, um ihn an die anderen Unterstützer in Deutschland zu versenden, was er dann auch tat. Als der HErr in große Prüfungen fiel, sandte Gott danach Engel zu ihm, die Ihn trösten sollten. Und so sandte der HErr auf einmal auch mir einen „Engel“ namens Antonio Centeno (63), der sich beim Mittagessen zu mir setzte und mir seine Freundschaft anbot: „Lieber Bruder, ich habe das heute Vormittag am Rande mitbekommen, wie der Samuel dich einfach von oben herab abgekanzelt hat und bin damit überhaupt nicht einverstanden. Der denkt wohl auch, dass – nur weil er Geld hat – auch sofort das alleinige Sagen hat, dabei war er bisher noch nie hier gewesen. Der alte Bruder Roberto hätte so ein Benehmen nie zugelassen, und das wusste Samuel auch, deshalb ist er erst jetzt gekommen, nachdem Roberto heimgegangen ist, damit er dessen Werk einfach mir nichts dir nichts an sich reißen kann. Wenn also einer hier der Wolf ist, dann ist es doch Samuel!“ – „Sie scheinen ihn schon lange zu kennen…“ – „Ja, ich kannte schon seinen Vater Francisco Franco. Der war aber ganz anders, ein geistlicher Bruder! Ist aber inzwischen schon heimgegangen, so viel ich weiß.“ – „Sind Sie hier aus Guatemala?“ – „Nein, ich bin ursprünglich aus El Salvador, wohne aber inzwischen in den USA, seitdem meine Tochter Mirna einen Amerikaner geheiratet hat namens Mateo Glauser aus Buffalo.“ – „Ja, von dem Mateo Glauser habe ich schon gehört! Er steht auf meiner Gebetsliste zusammen mit seiner Frau Mirna. Und jetzt erinnere ich mich auch an Ihren Namen!“

Trotz des Altersunterschiedes von 40 Jahren war Antonio mit seiner lässigen und souveränen Art jetzt genau der Halt, den ich dringend brauchte. Da auch er am nächsten Tag weiterfahren wollte nach El Salvador, beschlossen wir, gemeinsam zu reisen. Antonio vertraute mir an: „Eigentlich wollte ich dem Samuel als Geste der Versöhnung anbieten, ihn und seine Frau nach El Salvador zu begleiten, aber wenn ich jetzt sehe, wie sie dich behandelt haben, sollen sie sich ruhig einen anderen suchen!“ – „Aber warum ‚Versöhnung‘? Waren Sie denn mit ihm im Streit?“ – „Das nicht, aber ich und mein Sohn Mateo wurden vor 10 Jahren auch schon aus dieser Sekte ausgeschlossen, weil wir es damals gewagt hatten, den alten Bruder Arthur Vincent aus Kanada zu kritisieren. Damals hatte sich dessen schüchterner Sohn Marco in eine hübsche Kolumbianerin verliebt. Ana-Isabel ist die Tochter von Dr. Escárraga aus Bogotá. Sie war aber damals noch gar nicht gläubig, sondern lebte in Hurerei.“ – „Tatsächlich? Marco und Ana kenne ich auch und habe mich schon oft mit ihnen geschrieben. Sie sind ganz nett und haben immer die Rechtschreibfehler in meinen Briefen korrigiert. Hätte ich gar nicht gedacht…“ – „Es kommt noch schlimmer: Als sie plötzlich schwanger wurde, wollte Arturo unbedingt, dass Marco sie schnell heiraten möge, damit niemand Verdacht schöpfe. Wir forderten damals den Arturo auf, mit der Hochzeit zu warten, damit Ana Isabel sich erstmal bewähren könne. Arturo hingegen behauptete, wir würden sie verleumden und schloss uns aus der Gemeinschaft aus. Jetzt aber hat sich herausgestellt, dass wir Recht hatten, denn Marco ist erwiesenermaßen zeugungsunfähig. Die Tochter kann also gar nicht von ihm sein.“

Am Nachmittag machten wir noch einen Ausflug zur nahegelegenen Stadt Quetzaltenango, weil Antonio Einkäufe erledigen wollte für die Weiterreise. Ich machte derweil Fotos von den vielen Indiofrauen, die mit ihrer traditionellen Tracht auf dem Markt saßen und ihre Früchte verkauften. Und dann fuhren wir los nach El Salvador, d.h. zunächst in die Hauptstadt und von dort nach Nueva Guadalupe, zum Haus von Bruder Antonio Centeno, wo auch die Versammlung ist, die er früher geleitet hatte. Als wir am frühen Nachmittag ankamen, ruhten wir uns ein wenig in den Hängematten im Haus aus. Dann musste Antonio nochmal zur Post, bevor am Abend die Versammlung beginnen würde. Ich begleitete ihn und wartete draußen vor dem Postladen dieses verschlafenen Nestes. Gedankenlos sah ich auf der Durchgangsstraße ganz weit am Horizont eine kleine Gruppe Personen die Straße langgehen, noch etwa 500 Meter weit weg. Ich schloss gelangweilt die Augen. Schon eine halbe Stunde war Antonio drinnen – warum braucht er nur so lange? fragte ich mich. Die Gruppe von Passanten waren jetzt nur noch 100 Meter entfernt. Ich dachte: Komisch, die sehen ja genauso aus wie… Plötzlich erschrak ich: Das war tatsächlich Samuel Franco mit seiner Frau! in Begleitung von Toribio und einem weiteren Mann. Ich sprang auf und starrte sie wie gelähmt an. Nun erkannten auch sie mich und waren verstört, was ich denn ausgerechnet hier in diesem Dorf täte. Als ich auf sie zu ging, fragte Samuel ganz irritiert: „Bruder Simon, was machen Sie denn hier in El Salvador? Haben Sie uns etwas heimlich verfolgt?“ – „Das gleiche könnte auch ich Sie fragen. Ich bin in Begleitung von Bruder Antonio Centeno hier hergekommen, denn hier ist sein altes Haus.“ In dem Moment kam auch Antonio gerade aus dem Laden und war auch ziemlich überrascht, den Samuel nach 8-stündiger Busfahrt ausgerechnet hier wiederzusehen. „Don Samuel, was verschafft uns die Ehre? Wollten Sie mich hier besuchen kommen? Wir haben heute Abend Versammlung.“ – „Nein, Danke, denn wir versammeln uns nur mit Brüdern, die wie wir der gesunden Lehre angehören, wie z.B. Bruder Ulloa!“ Er zeigte auf seinen Begleiter. Diesen Seitenhieb konterte Antonio schlagfertig ab: „Hat Ihnen Bruder Ulloa denn auch schon verraten, dass er seit dem Heimgang von Bruder Arturo regelmäßig in die Sekte der sog. ‚Gemeinde Jesu‘ geht?“ – „Stimmt das?“ fragte Samuel den Br. Ulloa. „Ja, das stimmt. Denn zu den Molinas geh ich nicht mehr hin, seit sie sich den William-Branham-Bewegung angeschlossen haben…“ – „Was?! Im Ernst?“ Bruder Samuel war fassungslos. Antonio grinste mit einer leichten Schadenfreude: „Madre mía, da tun sich ja Abgründe auf! Und Sie hatten gedacht, dass Familie Molina immer treu zu ihrer ‚gesunden Lehre‘ stehen würde!

Nachdem wir uns von ihnen verabschiedet hatten, fragte ich Antonio: „Wer ist William Branham?“ – „Ein selbsternannter Prophet und Heiler. Dazu ein Sektenboss mit vielen Anhängern weltweit.“ – „Und zu dem gehört jetzt Leslie Molina?“ – „Scheint so. Daran siehst Du mal diese Heuchelei, von wegen: ‚Wir haben nur Gemeinschaft mit denen, die der gesunden Lehre angehören‘. Jetzt muss sich Samuel auch von den Ulloas und den Molinas trennen, und dann bleibt ihm nirgends mehr ein Ort, wo er hinkann.“ – „Das hat er nun davon, wenn man dem Wahn verhangen ist, die Gläubigen würden einem selbst gehören.

Am Abend war Bibelstunde in Nueva Guadalupe. Es kamen etwa 15 Geschwister, die sich in der Garage von Bruder Antonio versammelten. Deutlich spürte man einen charismatischen Einfluss bei den Gläubigen, indem fast nach jedem zweiten Satz die gedankenlose Phrase „Gloria a Dios“ geplappert wird, gefolgt von einem ebenso gedankenlosen „Amén!“ Dabei verliert ja alles, was man inflationär gebraucht, allmählich an Wert und Bedeutung. Aber sogar als ich mich kritisch über diese Phrasendrescherei äußerte, gaben sie mir ihre Zustimmung mit genau diesen Floskeln zum Ausdruck, ohne dass ihnen der Widersinn überhaupt bewusst wurde. Durch die ständige Dauerberieselung der 7 bis 10 christlichen Radiosender, die von morgens bis abends christliche Lieder und Predigten spielten, war das Gloria a Dios („Herrlichkeit sei Gott“) zu einem Teil ihrer Sprache geworden, so als wollten sie sagen: „richtig“ oder „okay“. Hinzu kommt die mangelnde Schulbildung der Menschen. Viele Kinder sind gerade einmal nur zur Grundschule gegangen und mussten danach arbeiten, um den Familienhaushalt zu stützen. Und wenn man sich dreimal am Tag nur von Maisfladen und Bohnenbrei ernährt und gezuckerten Kaffee trinkt, dann fehlen einem wichtige Vitamine, wie etwa Vitamin B6, B9 (Folsäure) oder B12, um geistig leistungsfähig zu bleiben. Überdurchschnittlich viele Latinos leiden zudem unter Eisenmangel (Blutanämie), besonders Frauen.

Am nächsten Tag fuhren wir in die Hauptstadt El Salvadors, um Matthew Glauser (37), den Schwiegersohn von Antonio, vom Flughafen abzuholen, der für zwei Wochen aus den USA zu Besuch kam, um Geschäftliches zu erledigen. Matthew war ein Elektroingenieur aus Buffalo (New York) und wohnt mit seiner Familie direkt bei den Niagarafällen an der kanadischen Grenze. Wir verstanden uns auf Anhieb und unterhielten uns auf Englisch bis spät in die Nacht hinein über biblische Themen, aber auch über Privates. Am nächsten Tag fuhren wir in den Osten des Landes, um die Geschwister in Intipuca und Agencia zu besuchen. Dort übernachteten wir bei Bruder David Benitez (33), dem die Guerilleros ein paar Jahre zuvor in den Hals geschossen hatten und der wie durch ein Wunder nach 8 Tagen Lähmung wieder gesund wurde. Inzwischen hatte David auch endlich einen Stromanschluss und damit nicht nur zum ersten Mal einen Kühlschrank, sondern leider auch einen Fernseher. Trotzdem gab ich ihm von der Spende der Geschwister aus Deutschland und dankte ihm für seine Gastfreundschaft. Wir schliefen in Hängematten, während auf dem erdigen Boden im Haus überall die Hühner hin- und herliefen. Am nächsten Morgen verabschiedete ich mich von allen und reiste weiter in die 800 km entfernte Hauptstadt von Costa Rica, wo Bruder Francisco Mena (73) mit seiner Frau und seinen drei erwachsenen Kindern lebt. Kurz bevor ich ankam, war Samuel Franco mit seiner Frau dort gewesen. Verständlicherweise sagte Francisco zu mir: „Bruder Simón, wie Sie wissen hat Don Samuel Sie aus unserer Gemeinschaft ausgeschlossen. Sie dürfen hier also nur übernachten, aber nicht mehr lehren. Wir können uns also nur über allgemeine Dinge unterhalten, aber nicht mehr über die Bibel.“


Fahren ohne Führerschein in Kolumbien

Von Costa Rica fuhr ich dann mit dem Flugzeug weiter nach Bogatá. Als mich der Bruder Nelson Diaz (40) vom Flughafen abholte, merkte ich eine bedrückende Stimmung. Auf meine Frage hin, wie es denn den Geschwistern ginge, antwortete er zögernd: „Nun es hat Probleme gegeben...“ Dann erklärte er mir der Reihe nach: vor ca. 2 Jahren kamen durch den Dienst von Bruder Pepe Gomez (45), dem leitenden Bruder in Bogotá, nacheinander 2 Personen zum Glauben, Pedro Murcia und seine Freundin Flor, die später heirateten. Pepe hatte die beiden viel unterstützt, sowohl geistlich als auch materiell, denn sie kamen beide aus der Drogenszene und waren ziemlich verwahrlost. Nach einiger Zeit stellte sich aber heraus, dass Pedro von seiner Gewohnheit, zu stehlen, nicht abließ und auch die Töchter von Pepe in Verlegenheit brachte durch pornographische Berichte. Deshalb bestand Pepe darauf, den Pedro aus der Versammlung auszuschließen gemäß 1.Kor. 5. Die anderen Brüder waren aber nicht überzeugt davon, und so gab Pepe zunächst nach. Als aber dann Pedro hinter Pepes Rücken immer wieder Verleumdungen aussprach, drohte Pepe damit, selber zu gehen, wenn Pedro nicht ginge. Zudem kam noch, dass Pedro von Bruder Nelson Diaz eingestellt wurde, in seiner Juwelierwerkstatt zu arbeiten, womit er den Bock zum Gärtner machte. Als Nelson dann auch noch in der Lotterie einen Wagen gewann, kritisierte Pepe seinen Bruder und Berufkollegen Nelson aufs Schärfste, da ein Christ sich nicht am Lottospiel beteiligen dürfe. Doch dann griff Gott selbst ins Leben von Nelson Diaz ein: Nachdem er zunächst mit seinem Neuwagen einen schweren Verkehrsunfall hatte, bekam er eines Tages Besuch von zwei Gangstern – die scheinbar von Pedro Murcia einen Tipp bekommen hatten. Sie zogen ihre Waffen, fesselten die Familie und raubten Schmuck im Wert von 50.000 Dollar. Nun war Nelson finanziell ruiniert, da der Schmuck nicht versichert war. Doch selbst jetzt weigerte sich der phlegmatische Nelson, dem Pedro als Tippgeber zu verdächtigen und brachte es nicht übers Herz, ihn zu kündigen, so dass Pepe die Zusammenarbeit mit Nelson kündigte.

Nachdem ich mir am Abend Pepes Version der Geschichte anhörte, bat ich ihn, noch einen letzten Versuch zu unternehmen, mit allen Brüdern über den „Fall Pedro“ zu verhandeln, um einen gemeinsamen Ausschluss zu bewirken (1.Kor.5:12-13). Am Sonntag bat Pepe dann die Geschwister, im Anschluss an den Gottesdienst noch zu bleiben, um über den Streitpunkt zu reden. Ich begann zur Einleitung eine kurze Betrachtung der drei Johannesbriefe über die Voraussetzungen von biblischer Gemeinschaft. Dann ging das Hin und Her los, und es sah zunächst so aus, als würde es zu keiner Einigung kommen. Als aber dann die ersten Tränen flossen und durch einige Bibelstellen die Geschwister von eigener Schuld überführt wurden, versöhnten sich Nelson und Pepe miteinander und beschlossen gemeinsam, Pedro und Flor, die sie als „Hunde“ enttarnten (2.Petr.2:22), aus der Versammlung auszuschließen. Als ich am nächsten Morgen in aller Früh im Bett lag, schenkte der HErr mir viele Gedanken zum Thema Sektiererei, und ich machte mich daran, eine Auflistung zu machen, unter welchen Bedingungen es biblisch gesehen erforderlich ist, sich von anderen zu trennen und welche Gründe nach der Schrift unzulässig sind für eine Trennung. Die Abhandlung trug den Titel „Wo ist dein Bruder?“ – in Anspielung auf den Brudermörder Kain, der sich aus rein egoistischen Gründen seines Bruders entledigen wollte.

Als nächstes besprachen wir das Anliegen mit dem Kinderheim. Bruder Rodrigo machte den Vorschlag, das Kinderheim nicht in Bogotá zu gründen, sondern in Barranca de Upía auf dem Lande, weil es in Bogotá zu gefährlich sei. Auch könnten die Kinder auf dem Land das Arbeiten lernen und hätten obendrein auch keine Möglichkeit zu fliehen, um an Drogen zu gelangen. Das Dorf Barranca liegt 6 Stunden von der Hauptstadt entfernt und ist völlig abgelegen von der Zivilisation. Da Bruder Rodrigo Escárraga Arzt ist, wollte er auch die Medikamente zur Verfügung stellen, die zum Entgiften der Kinder nötig sind. Bruder Gustavo Zubieta aus Baracca hatte bereits ein geeignetes Haus in Aussicht, um es für das Kinderheim-Projekt zu erwerben. Da es jedoch viel zu klein sei, müsste man später noch zusätzliche Holzhäuser mit Palmdächern bauen lassen, jeweils getrennt für Jungen und Mädchen.

Am Donnerstag fuhren wir also nach Barranca de Upía, d.h. ich, Pepe und sein Sohn John-Jairo. Da der Weg z.T. stundenlang nur durch die Wildnis ging, bat mich Pepe, ihn beim Fahren abzulösen. Was wir jedoch nicht bedacht hatten, war, dass es auf dem Land sehr häufig Militärposten gibt, die die Autos nach Waffen absuchen. Und so geschah es, dass – nachdem ich etwa zwei Stunden gefahren war – während Pepe vor sich hindöste – wir plötzlich in eine große Straßenkontrolle der Militärpolizei gerieten. Pepe rief noch schnell: „BAJA LA VELOCIDAD!“ („Fahr langsamer!“) – doch da war es schon zu spät. Da ich an dem Kontrollposten vorbeigerauscht war, ohne anzuhalten, hörten wir plötzlich laut eine Trillerpfeife. „SCHNELL ANHALTEN!“ schrie Pepe, „Wir müssen sofort die Plätze tauschen!“ Er krabbelte auf dem Rücksitz, damit ich schnell auf den Beifahrersitz Platz nahm und Pepe auf dem Fahrersitz. Doch es war zu spät, denn die Soldaten hatten unseren Plätzetausch längst bemerkt. Pepe kurbelte die Scheibe runter: „Guten Tag, die Herren, womit kann ich Ihnen dienen?“ fragte Pepe scheinheilig. „Steigen Sie bitte alle aus, die Hände über dem Kopf!“ Dann sollten wir uns an das Auto lehnen und wurden nach Waffen durchsucht. Einer der Soldaten fragte mich: „Mister, su licencia, por fovor!“ – „No lo tengo…“ erwiderte ich kleinlaut. Ich hatte noch nicht einmal irgendein Dokument bei mir, um mich auszuweisen, was für sich schon eine Straftat darstellte. Dann sah er auf einmal eine Bibel zwischen den Sitzen. „Es usted pastor?“ („Sind Sie Pastor?“) – „Sí!“ antwortete Pepe an meiner Statt. Der Soldat gab zu verstehen, dass er auch gläubig sei, aber uns nicht völlig ungeschoren davonkommen lassen könne. Wir sollten in den nächsten Ort fahren und 5 Gallon Benzin kaufen (ca. 18 Liter). Sie gaben uns die Kanister mit, und wir gehorchten ihrem Befehl. Dann brachten wir die Kanister zu den Militärs, und der Fall war damit erledigt.

Als wir in Barranca ankamen, fuhren wir mit Bruder Gustavo Zubieta zu dem Landhaus, das zum Verkauf anstand. Es war auf einer großen Wiese mitten im Urwald. Das Haus war mit einer Grundfläche von ca. 70 m² viel zu klein für ein Kinderheim, auch wenn die Gegend ideal war. „Wir müssen ja nicht gleich das erstbeste Angebot nehmen, sondern sollten weiter dafür beten, dass der HErr uns ein geeignetes Haus für die Straßenkinder zeigen möge!“ sagte ich. Pepe sah es auch so. Inzwischen war es 15:00 Uhr, und wir hatten allmählich Hunger. Da ließ Bruder Gustavo von zwei Brüdern ein Rind herholen, - und was ich dann sah, konnte ich als Stadtmensch kaum glauben: Innerhalb von einer halben Stunde hatten die beiden Männer das Rind geschlachtet vor den Augen der vielen Kinder – so als ob es das Normalste der Welt sei. Die Fleischstücke und Knochen legten sie auf einen Tisch und machten ein großes Feuer, um die Stücke zu braten. Wahrscheinlich wären diese Cowboys hier genauso erschrocken wie ich, wenn sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen Lidl-Markt betreten würden.

Während unser Essen zubereitet wurde, ging ich mit John-Jairo (16) im Urwald spazieren. Ich fragte ihn, wann er sich eigentlich bekehrt hatte. Er gab zu, dass dies noch ausstünde, da er „noch ein zu großer Sünder sei“. Ich erklärte ihm, dass die Annahme des HErrn nicht davon abhängig sei, ob man schon ein heiliges Leben führe, sondern genau andersherum es nötig sei, sich von Gott erneuern zu lassen durch die Wiedergeburt, um danach überhaupt ein heiliges Leben führen zu können. „Wenn du glaubst, dass Jesus Christus auch für deine Schuld am Kreuz gestorben ist, dann bitte Ihn noch heute noch, dass Er dich erretten möge, damit du nicht verloren gehst!“ Ich bot ihm an, gemeinsam zu beten. Wir knieten uns auf dem Urwaldboden nieder, und John-Jairo bekannte seine Schuld vor Gott und bat den HErrn Jesus, ihn zu erretten. Dann standen wir wieder auf und umarmten uns. Als wir wieder zurückgingen zu den anderen, berichteten wir dem Pepe, dass sein Sohn sich gerade bekehrte habe. Pepe strahlte vor Freude und sagte: „Dann haben wir ja jetzt erst recht allen Grund, ein Festmahl zu halten!